Vom ideologischen Blendwerk, die Belegschaft eines Unternehmens als Familie zu apostrophieren – mit dem Chef als treusorgendem Patriarchen an der Spitze –, war an dieser Stelle bereits die Rede; nicht jedoch von der gegenläufigen Entwicklung – der Einholung des Unternehmertums in die Familien. Der Einzug von Effizienz und maximaler Leistungsbereitschaft hat sowohl auf die Rollenbilder der Eltern als auch auf die gesellschaftliche Erwartungshaltung an die Familie erheblichen Einfluss. Von der Überforderung der Mütter über die Marginalisierung der Väter bis zum Schreckensszenario eines normierten Nachwuchses – es lässt sich kaum Positives an dieser Entwicklung feststellen.

In der Vergangenheit ist dem Kapitalismus häufig vorgeworfen worden, er zerstöre die Familie. Heute beschränkt er sich nicht aufs Destruktive – etwa auf die Bindung von möglichst viel Lebenszeit beider Elternteile an die Arbeit –, sondern macht die Familie zugleich zu seinem Anhängsel, das nach den Regeln der Wirtschaft funktionieren soll. Fortan werden die Werte des Unternehmens in der Familie vorgelebt, Gelassenheit und Nähe weichen der Terminhatz und Kühle des Arbeitslebens. Nimmt unter diesen Bedingungen die Familie als eine Gemeinschaft, deren Mitglieder eine selbstverständliche Zusammengehörigkeit empfinden, Schaden? Driftet sie in den Bereich des Gesellschaftlichen, des Interessenverbandes ab? Wann sind die Eltern noch Eltern und wann sind sie die Manager des Unternehmens ‚Familie‘? Je mehr Unsicherheit hinsichtlich der Beantwortung dieser Fragen herrscht, desto lauter werden die Rufe nach einer Besinnung auf die Familie sein – ohne genau zu wissen, was damit nun eigentlich gemeint ist – und desto energischer werden sich die Unternehmen (in Komplizenschaft mit manch einem Volksvertreter) als Feuerwehr anbieten, um vorgeblich den Brand zu löschen, den sie selber gelegt haben.

Im Namen der Familie gegen die Familie

In Marc Bauders Dokumentarfilm „Master of the Universe“ beschreibt der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss in einem verwaisten Frankfurter Büroturm, wie sein Arbeitsleben in der Finanzwirtschaft auf die Familie ausgriff und Frau und Kinder hierdurch vom restlichen gesellschaftlichen Leben abgekapselt wurden. Die Bank richtete Familienfeiern aus, die Sprösslinge der Kollegen besuchten allesamt den firmeneigenen Kindergarten (Voss: „Die werden schon geformt, da können die gerade laufen.“ – Bauder, Marc, Master of the Universe, Deutschland, Österreich 2013, 44:58-45:01) und Empfänge, Abendveranstaltungen sowie Reisen standen stets im Zeichen des Kundenkontaktes. Es zeigt sich an dieser Stelle die ganze Absurdität des eingeschlagenen Weges: Damit die Eltern nicht vollends von der Firma absorbiert werden, werden Arbeits- und Privatleben miteinander vermengt. Die Absorption findet natürlich dennoch statt, sie wird gar in einer Art und Weise total, wie es kein Zwölfstundentag im Unternehmen zu leisten imstande wäre. Die Eigenständigkeit der Familie, ihr Funktionieren nach Regeln jenseits des herrschenden Wirtschaftssystems, nimmt Schaden. Eindeutigstes Indiz hierfür ist die Tatsache, dass es fortan kein Leben abseits der Arbeit mehr gibt – es kommt zur oben erwähnten Abkapselung vom Rest der Gesellschaft. „Diese Abschottung von gesellschaftlichen Prozessen, die ist quasi institutionalisiert. (…) Man müsste jetzt eigentlich, wenn man normal funktioniert (…) sagen, wenn mein Beruf sowas mit mir macht, dann brauch in ‘nen neuen Beruf, aber keine neue Familie. Aber in dem Beruf hab‘ ich gedacht, der Beruf ist okay. Ich brauch‘ dazu eine passende (…) Beziehung.“ (ebd., 40:35-41:52) In der Vermengung von Beruf und Privatleben ist die Vorrangstellung klar vergeben – die Firma gibt die Regeln vor. Dass die Familie eigentlich nicht dafür vorgesehen ist, zum funktionalen Appendix der Wirtschaft degradiert zu werden, zeigt Voss‘ Reaktion auf Bauders Frage, ob er meine, ein guter Vater und Ehemann gewesen zu sein: Nach einigen zaghaften Sätzen der Selbstverteidigung, dass wohl mehr die Qualität als die Quantität der miteinander verbrachten Zeit entscheidend sei, beendet Voss – emotional sichtlich angefasst – den Themenkomplex Familie. So bleibt der Eindruck eines Mannes, der nicht nur während der durchgearbeiteten Nächte in der Bank ziemlich allein gewesen ist.

Auch wer sich nicht in einer solchen Blase für Topverdiener bewegt, kann registrieren, wie die Arbeitswelt der Familie die Luft zum Atmen nimmt. Bei den Eltern ist die Ursache nicht zu suchen, folgen sie doch häufig lediglich ökonomischen Zwängen: Wenn ein Gehalt zur Versorgung von Partner und Kind(ern) nicht mehr ausreicht, wenn die Forderung nach immer größerer Flexibilität den Familienverband über das ganze Land verstreut, wenn der Nachwuchs zwecks Zukunftssicherung einen ähnlich durchgetakteten Tag hat wie die Eltern, dann erodiert die Familie zwangsläufig. Wie weit der Übergriff des Ökonomischen ins Familiäre bereits fortgeschritten ist, zeigt ein Blick auf die Sprache: Die Menschen taxieren ihren Marktwert in der Partnerbörse oder auf dem Heiratsmarkt, sie investieren in ihre Beziehung und in den Nachwuchs und hoffen, dass am Ende, wenn sie Bilanz ziehen, die Rechnung aufgeht. Derartige Metaphern verdeutlichen, wie Familie und Partnerschaft mittlerweile wahrgenommen und mental konzeptualisiert werden.

Dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, hat in den Parlamenten keine Priorität. Familienpolitik bedeutet gegenwärtig, die Kinder möglichst früh in der Kita und möglichst lange in der Ganztagsschule abladen zu können, damit die Eltern einer Erwerbsarbeit nachgehen können. Mit einem Plädoyer für antiquierte Rollenbilder hat diese Kritik nichts zu tun; es geht schlicht um die Feststellung, dass der Umstand, ein Kind zu haben, und jener, etwas von seinem Kind zu haben, zwei unterschiedliche Dinge sind. Für letzteres braucht es Zeit – und zwar für beide Elternteile. Auch sollte die Familie nicht vollends Staat und Wirtschaft unterstellt sein. Beide, Unternehmen und Volksvertreter, könnten an den derzeit herrschenden Zuständen etwas ändern; sie werden es nicht tun, weil für sie die Familie – als eine Art Rudiment des Urkommunismus – immer auch Konkurrenz ist.

Normierter Nachwuchs

Auf die Spitze getrieben werden könnte der Einfluss der Wirtschaft auf die Familie, wenn das ökonomische Denken die Reproduktionsmedizin durchdringt. Die Eltern wären nicht mehr nur die Manager des Unternehmens ‚Familie‘, sondern auch Kunden. Ihre Kinder wären ein erworbenes Produkt, das in noch größerem Ausmaß seiner Verwertbarkeit harrt als andere Waren. In einer solchen Welt, die vielen Menschen – obgleich sie mancherorts längst Realität ist – heute noch wie ein albernes, vollkommen überspitztes Zukunftsszenario anmutet, wäre die Auflösung einer nach besonderen Grundsätzen funktionierenden Gemeinschaft wesentlich weiter fortgeschritten als sie es gegenwärtig ist. Die Kinder würden nicht wissen, wo ihre biologischen Eltern und Großeltern leben, was sie glauben und welche Geschichten sie sich erzählen. Wäre ein Samenspender besonders fleißig, entstünden biologische Familienbande, die „alle Fruchtbarkeitsfantasien der Genesis“ (Greiner, Ulrich, Die Herstellung des Menschen, in: Die ZEIT 40 (2014), S. 55) weit übertreffen würden. Das kulturelle Konzept der Genealogie würde keine Rolle mehr spielen, das Wissen der Vorfahren wäre als unnötiger Ballast abgeworfen. Der Vater täte in einer solchen Welt einen weiteren Schritt auf seinem Pfad zur Bedeutungslosigkeit. Denn innerhalb des weiblichen Geschlechts wäre die auf vollkommene Selbstbestimmung pochende Karrierefrau deutlich in der Überzahl. Diese lässt ihre Eizellen einfrieren und wendet sich erst in dem Moment an die Samenbank ihres Vertrauens, wenn die Lebensplanung gerade ein freies Zeitfenster bietet. Dass sie mitnichten selbstbestimmt handelt, sondern sich in ihrem Vorgehen vollkommen den Wünschen der Wirtschaft beugt, würde jene Frau wohl nicht mehr merken.

Es lassen sich weitere Konsequenzen eines Hineindriftens der Familie in die Welt der Waren und des Konsums durchdeklinieren – vom Anpreisen des verfügbaren Genmaterials und der damit einhergehenden Konkurrenz um die vortrefflichsten Kinder über entsprechende Werbung, die fortan das Denken über den Nachwuchs zensiert, bis hin zu einer neuen sozialen Selektion auf dem Schulhof, die nicht mehr anhand der Markenklamotten oder des Handymodells vollzogen wird, sondern anhand des Makels der Leiblichkeit und der als schmutzig empfundenen natürlichen Zeugung. Nahezu alles wäre denkbar, nur ein grundsätzliches Infragestellen einer solchen Welt durch die Eltern oder durch den ‚produzierten‘ Nachwuchs wäre wohl nicht vorgesehen. Falsch eingesetzt kann die Reproduktionsmedizin den Menschen die Chance nehmen Anderssein – in allen möglichen Varianten, also nicht nur in der des Denkens – zu akzeptieren oder gar als etwas Positives anzusehen. Mag eine solche Welt vielen Menschen noch fern sein, ihr Wetterleuchten steht bereits am Horizont: Vor einigen Jahren verweigerte ein australisches Paar, deren Zwillinge von einer philippinischen Leihmutter ausgetragen wurden, die Adoption eines der beiden Kinder, weil es behindert zur Welt kam. Die für tadellos befundene Ware ‚Mensch‘ wurde erworben (10.000 Dollar bezahlten die Australier der Leihmutter), bei der beanstandeten machte man einfach vom Rückgaberecht Gebrauch.

„Superfrauen“ und obsolete Väter

Bevor derartiges Handeln jedoch ohne soziale Ächtung möglich ist (und wird der eingeschlagene Weg fortgesetzt, ist dies schon bald der Fall), muss sich die Öffentlichkeit darauf beschränken, neue Helden anhand des Kriteriums zu küren, inwieweit eine Familie auf möglichst hohem beruflichem Niveau eine möglichst effiziente Organisation zu etablieren vermag. So wurden unlängst in der Reportage-Reihe 37 Grad unter dem Titel „Superfrauen zwischen Kindern und Karriere“ drei Familien, die der beschriebenen Kategorie entsprechen, vorgestellt. Während die Unternehmensführerin und Mutter morgens vor der Arbeit das erkältete Kind (eines von insgesamt vieren) im Arm hält, ertönt der Kommentar einer Frauenstimme: „Das Management des Familienunternehmens erfordert Flexibilität, viel Organisation, gute Nerven und ständige Absprachen“ (Kraunus, Ninette, Einsame Spitze. Superfrauen zwischen Kindern und Karriere (Reihe: 37 Grad), Deutschland, 04.03.2014, 03:40-03:49). Nach dem Frühstuck macht sich die Mutter auf den Weg, während der Vater, ebenfalls in einer Führungsposition beschäftigt, nur noch auf die Tagesmutter wartet, um dann auch zur Arbeit fahren zu können. Das Ausklingen des Tages in der Familie wird von folgendem Kommentar begleitet: „Nach einem langen Arbeitstag in Köln endlich Feierabend…fast. Denn nun müssen vier Kinder ins Bett gebracht werden“ (ebd., 11:13-11:21). Erwerbs- und Erziehungsarbeit sind hier gleichgesetzt – mit allen Implikationen: Die Eltern sind Arbeiter im Unternehmen Familie, die Kinder ein weiteres Projekt. Eine solche Perspektive unterminiert die Werte, die eigentlich innerhalb einer Familie ihren Platz haben sollten.

Die Verschränkung des in der Reportage vorgestellten Familienbildes mit den Interessen der Politik wird über die porträtierten Personen ersichtlich. Bei der Mutter aus der hier beispielhaft vorgestellten Familie, handelt es sich um Dr. Tanja Prinzessin zu Waldeck. Diese wurde innerhalb einer von der Bundesregierung und einigen deutschen Großkonzernen getragenen Initiative („Deutschland – Land der Ideen“) zu einer von „100 Frauen von morgen“ gekürt. Ausgewählt wurden Frauen, die das Bild des Landes mit ihren Ideen in Zukunft gestalten sollen. Auf dem Internetauftritt der Initiative wird der Werdegang der Prinzessin zu Waldeck vorgestellt – unter dem Titel „Familien stärken“.

Bei diesem Familienbild, das nicht weniger als das gesamte Land in die Zukunft führen soll, ist ein Blick auf die einzelnen Rollenbilder aus der Perspektive des Staates lohnend. Im klassischen Rollenbild steht der Vater als derjenige, der tagsüber arbeitet, in einem loseren Verhältnis zur Familie als die Mutter. Für den Staat war es jedoch nicht sinnvoll ihn aus der Familie herauszulösen, da er als Versorger benötigt wurde. Aus der staatlichen Perspektive arbeitet der Vater weniger für seine Familie als vielmehr zur Entlastung der Sozialsysteme. Wenn jedoch die vom Staat und den Unternehmen geschaffene Infrastruktur eine umfassende Versorgung der Kinder garantiert, kann die Mutter die Rolle der Versorgerin übernehmen, womit der Vater vollends überflüssig würde. Reicht das Einkommen nicht, kann Vater Staat unterstützend eingreifen. Damit wäre die Familie auf die Mutter-Kind-Einheit geschrumpft, wodurch zugleich einem „umfassenden und alles durchdringenden Staatswesen“ (Koschorke, Albrecht, Die Heilige Familie und ihre Folgen. Ein Versuch, 3. Aufl., Frankfurt am Main 2001, S. 122) zugearbeitet würde. Tatsächlich überflüssig würde der Vater natürlich nur, wenn sich diese Perspektive auch innerhalb der Familien durchsetzen sollte. Die „Frauen von morgen“ drohten dann zu kaum unterscheidbaren Wiedergängern der Männer von gestern zu werden – was nichts Positives sein kann.

Die Vereinbarkeitslüge

Bevor allerdings dieser Zustand erreicht ist, wird die Kernfamilie auf dem eingeschlagenen Weg mit einem weiteren Problem konfrontiert. Da die Rollenbilder zusehends aufweichen, wird für die Eltern unklarer, welche Erwartungen sie zu erfüllen haben. Aufgrund von Unsicherheit wird dann schlicht versucht, alle Rollen auszufüllen sowie den mit ihnen verbundenen Erwartungen gerecht zu werden. Hiermit wird einem Idealbild nachgeeifert, das Mutter und Vater berufstätig und zugleich als Eltern sieht, die sich über Gebühr mit ihrem Nachwuchs beschäftigen. Abseits von „Superfrauen“ und ihren Superfamilien stellt sich schnell Überforderung ein. Die Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Vereinbarkeitslüge“, die vor allem von Politikern verbreitet würde: „Sprechen wir also über Erwartungen. Auch früher gab es Erwartungen an Väter und Mütter, aber sie waren klarer und eindeutiger, weil es auch klare und eindeutige Rollen gab. Heute dagegen gibt es unendlich viele Erwartungen, weil es unendlich viele Möglichkeiten gibt, eine gute Mutter und ein guter Vater zu sein, und deswegen scheint es das Beste zu sein, einfach alle Erwartungen zu erfüllen“ (Brost, Marc/Wefing, Heinrich, Geht alles gar nicht, in: Die ZEIT, 6, 2014).

Wie oben dargelegt, endet dieser Versuch oftmals damit, dass verschiedene Rollen miteinander vermengt werden. Solange allerdings der Vater und die Mutter nicht von der Rolle als Vorsitzende des Unternehmens ‚Familie‘ befreit sind, die Familie als Gemeinschaft folglich nicht von den Gesetzmäßigkeiten des Arbeitslebens getrennt ist, solange kann die Frage nach den Rollen der Eltern nicht sinnvoll diskutiert werden. Es bedarf in diesem Fall einer Trennung, die beide Bereiche klar voneinander scheidet. Kommt es trotz der Vermengung zu einer Debatte, so findet diese unter falschen Voraussetzungen statt. Es wird eine Verhandlung über die Familie ohne die Familie abgehalten. Für Brost und Wefing besteht die Lösung nicht in der Rückkehr zu vergangenen Zeiten, sondern im Zurückfinden zu klaren Rollen, wie auch immer diese aussehen mögen. Dieses Plädoyer für erkennbare Konturen bekommt von unerwarteter Seite Zuspruch: Jenseits der Beweihräucherung durch das Fernsehen und durch staatliche Initiativen, fordert – wenngleich lediglich in Bezug auf die Frauen – auch Tanja Waldeck ein Eingeständnis: „Frauen [sollen] inzwischen alles sein: Karrierefrau, Vollblut-Mama und sexy Ehefrau. Und unsere Generation ist mit der Illusion ausgewachsen, all diese Rollen auch perfekt erfüllen zu können. Ich sage es jetzt ganz offen: Das ist eine Lüge!“ (Waldeck, Tanja, Mütter, holt die Friedenspfeife raus!, auf: The Huffington Post, 10.10.2013)

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