Ihrer Etymologie nach bezeichnet die Krise den Moment, da eine Entwicklung eine andere Richtung einnimmt, in der sie umschlägt (griech. „κρίνειν“: scheiden, trennen, auswählen, entscheiden). Die Krise führt eine Entscheidung herbei, bietet allerdings noch Möglichkeiten zur Intervention. Ihr kommt eine Latenz zu, die in der Gegenwart eine gestaltbare Zukunft aufscheinen lässt: Die Entscheidung ist fällig, aber noch nicht gefallen. Den Krisen der Gegenwart, die zumeist als gefährliche, als düster ausgemalte Abgründe wahrgenommen werden, ist der Charakter einer Momentaufnahme im Schwebezustand abhanden gekommen: Die griechische Staatsschuldenkrise ist mittlerweile in ihrem sechsten Jahr und auch die Flüchtlingskrise ist – wenngleich es momentan gewiss eine Verschärfung gibt – keine allzu junge Erscheinung – insbesondere nicht für diejenigen, die in der Türkei, Griechenland, Italien oder im Nahen Osten zu Hause sind. Die Krise ist zu einem Dauerzustand geronnen; durch sie wird keine Entscheidung mehr herbeigeführt, sondern das Zusteuern auf die Katastrophe  bezeichnet – die Krise wendet sich von ihrer Etymologie ab (was auch an dieser Stelle bereits unreflektiert hingenommen wurde).

Mit gewagten Vergleichen und wilden Analogieschlüssen sollte man bekanntlich vorsichtig sein, laufen sie doch Gefahr nur das Selbstverständliche festzustellen, hinsichtlich der Feinheiten jedoch zu versagen, deshalb schief zu wirken. Doch dies ist nicht der Ort für große Vorsicht: Die griechische Insel Kos, gelegen in der östlichen Ägäis, nur wenige Kilometer von der türkischen Küste entfernt, ist zu einem Einfallstor in die Europäische Union geworden. Täglich begeben sich Flüchtlinge aus dem Nahen Osten auf die gefährliche Überfahrt. Vor knapp 2500 Jahren wurde auf eben dieser Insel Hippokrates geboren – in eine der sogenannten Asklepiadenfamilien. Diese Familien pflegten das medizinische Wissen ihrer Zeit; ihre Abstammung führten sie auf den Heilgott Asklepios zurück.

Mit dem Namen Hippokrates ist insbesondere die Säftelehre verbunden: Die vier Säfte des Körpers – gelbe Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim – müssen in einem Gleichgewicht sein, damit der Organismus (die Physis) gesund bleibt. Ist dies nicht der Fall, so versucht die Physis das pathologische Säftegemisch durch Kochung (Pepsis) zu neutralisieren. Jenes Stadium der Krankheit, in dem sich entscheidet, ob die Kochung (die von den Hippokratikern etwa im Auftreten von Entzündungen und Fieber ausgemacht wurde) erfolgreich ist oder aber die Abwehr nicht ausreicht und es zu einem Übeschwemmen des Körpers mit dem pathologischen Säftegemisch kommt, wurde Krisis genannt. Ihre medizinische Abkunft als Bezeichnung für einen Schwebezustand zwischen Besserung und Katastrophe hat die Krise bis in die Neuzeit nicht leugnen können, als sie zur Beschreibung von wirtschaftlichen, politischen oder auch persönlichen Situationen herangezogen wurde. Die Abkehr der Krise von ihrem Bedeutungsursprung vollzieht sich erst gegenwärtig; sie ist zu einem Synonym für eine langwierige Entwicklung in Richtung Katastrophe geworden – und ausgerechnet Kos, die Heimatinsel des Hippokrates, der die Krise gewissermaßen aus der Taufe gehoben hat, ist einer der Hauptschauplätze dieser Verwandlung.

Strand auf der Insel Kos; Lizenz: Public Domain; Rechteinhaber: Karelj; Original: Lambi Kos 10.jpg
Strand auf der Insel Kos – kein Ort der Krise, sondern der Katastrophe; Lizenz: Public Domain; Rechteinhaber: Karelj; Original: Lambi Kos 10.jpg

Sicherlich, die Dauer von Krisen – verstanden als Schwebezustand – kann variieren – in der Medizin als auch in der Politik oder in der Wirtschaft. Doch gewiss zieht sie sich nicht über mehrere Jahre hin. Wenn (mitteleuropäische) Politiker im Zusammenhang mit den Flüchtlingsströmen  im Sommer 2015 von einer Krise sprechen, so offenbaren sie lediglich ihren egoistisch-nationalen Blick, der nur bis an die eigenen Staatsgrenzen reicht. Seit Jahren ertrinken zehntausende Flüchtlinge – afrikanische als auch solche aus dem Nahen Osten – im Mittelmeer; seit Jahren ist die Situation in den Aufnahmelagern der südeuropäischen Länder katastrophal; seit Jahren ist bekannt, dass Millionen Menschen aus Syrien flüchten müssen; seit Jahren ächzen die Nachbarländer, insbesondere die Türkei und Jordanien, unter der zusätzlichen Belastung durch die Hilfesuchenden; seit Jahren auch wusste man, dass gescheiterte Staaten wie der Irak oder Libyen sich zu Nestern für den Terrorismus wandelten.

Eine derartige Auflistung kann als bloße Besserwisserei, erleichtert durch die Kenntnis um die Geschichte, abgetan werden, die allein dazu taugt, den Verantwortlichen ihre Versäumnisse unter die Nase zu reiben. Doch um eine solche Belehrung ex post geht es an dieser Stelle nicht. Stattdessen soll verdeutlich werden, wie viel Heuchelei im Spiel ist, wenn die gegenwärtigen Entwicklungen mit dem beschönigendem Etikett „Krise“ versehen werden. Wer tatsächlich meint, dass hinsichtlich der Flüchtlingsströme eine Entscheidung erst noch fällig ist, der zeigt nur, dass ihm/ihr (Sätze mit Heuchelei müssen unbedingt gegendert werden) die Not der Menschen – trotz der vielen Beistandsbekundungen – jahrelang herzlich egal war, solange diese zuverlässig im Mittelmeer ersoffen oder in jordanischen Flüchtlingscamps dahinvegetierten. Erst in dem Moment, da es um den eigenen, unverhältnismäßigen Wohlstand geht, wird nach Therapieansätzen für die vermeintliche Krise gesucht, die tatsächlich gar keine (mehr) ist. Hinsichtlich der Flüchtlingsproblematik ist die Zeit der Krisen längst vorbei, die Entscheidungen sind vor langer Zeit bereits gefallen – etwa als Baschar al-Assad beschloss friedliche Demonstranten zu bekämpfen oder die Vereinigten Staaten einen gänzlich zerrütteten Irak verließen. In diesen Momenten gab es einen Schwebezustand, hätte Krisenintervention geleistet werden können – heute bedarf es nur mehr eines Katastrophenmanagements.

Neben der Furcht um die eigene privilegierte Stellung offenbart der als Krise benannte, dauerhaft schlechte Zustand auch eine große Hilflosigkeit. Denn anders als der Hippokratiker, der sich auf die Diagnose nicht verstand (stattdessen sich auf eine Prognose für den weiteren Krankheitsverlauf beschränkte), sind der europäischen Politik die Ursachen für die Flüchtlingskatastrophe bekannt: Krieg und Terror im Nahen Osten sowie Armut, Misswirtschaft und Ausbeutung in großen Teilen Afrikas haben zur gegenwärtigen Lage geführt. Die Hilflosigkeit speist sich nun aus dem Umstand, dass die Politiker sich allein Szenarien ihrer eigenen Intervention ausmalen können, welche die Not von einigen Millionen Flüchtlingen in Europa als noch harmloses Vorspiel zu weit größerem Elend erscheinen ließen. Auch an dieser Stelle wird deutlich, wie unangemessen es ist, weiterhin von einer Krise zu sprechen: Wer nicht nur Symptome bekämpfen möchte, sondern Ursachen, dem zeigt sich kein Schwebezustand zwischen Besserung und Verschlechterung. Eine Wahl existiert nur mehr im Schlechten: Soll Europa tatenlos zusehen oder intervenieren? Soll man der inaktive oder der inkompetente Arzt sein – derjenige, der dem Patienten beim Siechtum zuschaut, oder derjenige, der mit dem großen Zeh gleich das ganze Bein amputiert?

Gemeinsam mit dem Irak, Iran und den syrischen Regierungstruppen hat sich Russland vor kurzem für letztgenannten Weg entschieden: Nun wird es zu Bombardements kommen, die auf den Unterschied zwischen Terrorist und Zivilist überhaupt keine Rücksicht mehr nehmen; es wird mehr Tote und Flüchtlinge geben als je zuvor; im günstigsten Szenario wird eine von Assad verwaltete Friedhofsruhe einkehren, die jedem Syrer, dem auch nur ein bisschen an seiner Freiheit liegt, eine Rückkehr auf lange Zeit unmöglich machen wird. Und in Europa? Dort wird man – mit einiger Berechtigung – Protestnote um Protestnote Richtung Moskau schicken (während man tatsächlich jedoch aufatmet), wo diese mit dem – absolut richtigen – Verweis auf die amerikanisch-europäischen Engagements in Afghanistan und im Irak zu den Akten gelegt werden. Wer selber zehntausende Unschuldige auf dem Gewissen hat, dem fehlt schlicht die moralische Autorität andere für ihr grausames Verhalten anzuklagen. Natürlich ist diese Begründung Russlands eine schwache; es ist die Rechtfertigung eines Feiglings, dem der Mut fehlt im Positiven aus der Reihe zu fallen. Stattdessen werden lieber die Abartigkeiten des anderen nicht nur wiederholt, sondern noch übertroffen.

Das Wettrüsten in Sachen Grausamkeit wirft zugleich ein Schlaglicht darauf, wer auf dem syrischen Kriegsschauplatz bereits seit langem als ‚Sieger‘ feststeht: Assad hat den Bürgerkrieg bereits seit einiger Zeit ‚gewonnen‘; er hätte ihn auch dann ‚gewonnen‘, wenn er an dessen Ende vielleicht doch ganz ohne Territorium und Untertanen dastünde; sogar im Falle seines eigenen Ablebens hätte er den Krieg ‚siegreich‘ gestaltet und zwar auf dieselbe Weise wie Putin in der Ukraine ‚siegreich‘ gewesen ist oder die Vereinigten Staaten im Irak. Sie alle haben ihre jeweiligen Kriege insofern ‚gewonnen‘, als sie die moralischen Maßstäbe der Menschen immer weiter herabgesetzt haben, als sie den Menschen zeigten, dass Kriege mit Lügen begonnen und zu Ende geführt werden können, als sie Terror und Folter, die sie doch eigentlich zu bekämpfen vorgaben, zu legitimen Mitteln der Kriegsführung erklärten, als sie die Menschen an ihre Realpolitik gewöhnten, die zu Verhandlungen mit einem Diktator führen wird, der Chemiewaffen gegen sein eigenes Volk einsetzt (hinsichtlich des Grundgedankens: vgl. Popper, Karl, Utopie und Gewalt, in: Neusüss, Arnhelm (Hrsg.), Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen, Frankfurt am Main 1986, S. 313-314.). Dass der Abbau von moralischen Skrupeln eines der Ziele dieser Kriege war, ist beileibe keine Unterstellung. Es ergibt sich als logische Schlussfolgerung aus grausamen Taten, die planvoll und massenhaft (nicht spontan und vereinzelt) aufgetreten sind.

Wer sich in diese Abwärtsspirale einklinkt, der wird lediglich die Katastrophe immer weiter vergrößern. Dies zu verhindern, erscheint momentan das einzig realistische Ziel, denn einen Umschwung zu einem genesenen Nahen Osten und einem gedeihenden Afrika, den die Politik mit ihrem Krisengerede indirekt in Aussicht stellt, wird es so schnell nicht geben. Diese Diagnose bedeutet keinesfalls, sich in Fatalismus zu flüchten. Sie bedeutet lediglich, einzusehen, dass zurzeit keine ‚Therapie‘ einen durchschlagenden Erfolg bringen würde und es gegenwärtig vor allem darum geht, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Sie bedeutet auch, die Scharlatane energisch in die Schranken zu weisen, die mit einfachen Lösungen für komplizierte Probleme daherkommen, deren Wundermittel die Lage zumeist jedoch verschlimmern. Als ein solcher Scharlatan tritt momentan der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán auf, der intellektuell bereits an der simplen Tatsache scheitert, dass die Flüchtlinge nicht losziehen, weil es in Europa so schön ist (insbesondere im Freiluftgefängnis Ungarn), sondern weil es in ihrer Heimat so schrecklich ist. Für denjenigen, der sich hinter Zäunen einigelt, gibt es tatsächlich eine Krise. Ein Schwebezustand ist jedoch allein im Hinblick auf die eigene Lebenssituation gegeben. Undurchlässige Grenzen mögen die Krise für diese Menschen zum Guten wenden – für die Katastrophe der anderen, die um ein Vielfaches dramatischer ist, werden sie durch ihre Abschottung allerdings blind.

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