Im Profisport – in den Vereinen als auch in den Verbänden – ist es (Un)Sitte geworden über eine hauseigene Berichterstattung zu verfügen. Die Verschmelzung von demjenigen, der berichtet, und demjenigen, über den berichtet wird, mag noch vernachlässigbar sein, wenn die angestellten ‚Journalisten‘ den Neuerwerbungen des Klubs die immer gleichen Fragen stellen oder exklusiv vom Trainingsgelände berichten können, dass sich Spieler XY beim Nachmittagstraining verkühlt hat. Problematisch wird der Journalist, der keiner ist (weil ihm die Unabhängigkeit abgeht) in dem Moment, da es um schwere Anschuldigungen geht, um all die Themen, die der Sportberichterstattung längst zum dauerhaften Begleiter geworden sind – um schwarze Kassen, Korruption und Bestechungen.

Ein Zeugnis einer solch eigenartigen Berichterstattung findet sich seit vergangenem Samstag auf dem Internetkanal des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). In einem Video nimmt der Präsident des Verbandes, Wolfgang Niersbach, Stellung zu den Vorwürfen des SPIEGELS, das Bewerbungskomitee für die Weltmeisterschaft 2006 habe eine schwarze Kasse eingerichtet und mit Geldern aus dieser Kasse (die vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus stammen sollen) mutmaßlich Mitglieder der FIFA-Exekutive bestochen. Obwohl es keine Person gibt, die Niersbach Fragen stellt, vermittelt das Video den Eindruck ein Interview fände statt. Weiß auf schwarz werden Behauptungen und Fragen eingeblendet, auf die sich Niersbach dann in seinen Stellungnahmen bezieht. Die uneinheitliche Terminologie, die bis hierhin genutzt wurde, um das Video zu beschreiben (Berichterstattung, Interview, Stellungnahme), deutet auf dessen problematischen Charakter hin: Niersbach wird weder interviewt – zumindest nicht nach den Maßstäben, die in einer freien Gesellschaft an ein Interview gestellt werden können – noch gibt er eine Stellungnahme ab, weil seine Aussagen ja zumindest im Gewand eines Interviews präsentiert werden. Auch die nüchterne Bezeichnung Berichterstattung trifft den Charakter des Videos nicht, schließlich liefern die Texteinblendungen Niersbach eine Steilvorlage nach der anderen, die dieser zum Loswerden seines – offensichtlich einstudierten – Textes nutzt. Der Zuschauer kann in einer solchen Mixtur der Formate sehr schnell die Orientierung verlieren. Vielleicht war genau dies das anvisierte Ziel bei der Produktion des Videos?

Eine gewisse Komik hat ein derart inszeniertes Schauspiel nur dann, wenn man weiß, wie ein Interview normalerweise abläuft – so kann etwa die Süddeutsche witzeln, Niersbach habe sich quasi selber interviewt. Sollten irreführende Formate dieser Art allerdings auch in Wirtschaft und Politik Schule machen, wäre es mit dem Spaß sehr schnell vorbei. Denn heimisch ist das abgesprochene Frage-Antwort-Ping-Pong vor allem in Gesellschafen, die es mit der Presse-  und Meinungsfreiheit nicht allzu genau nehmen. Natürlich, es muss nicht gleich dieser grausigste aller Teufel an die Wand gemalt werden; dennoch stellt sich die Frage, warum der DFB Niersbachs Aussagen nicht einfach in einer Pressemitteilung veröffentlicht hat. Es liegt der Verdacht nahe, dass der Verband – wahrscheinlich unbewusst, es muss dem DFB keine Agenda unterstellt werden – den eigenen Standpunkten jene Assoziationen beigeben wollte, die die Menschen gemeinhin mit einem Interview verbinden. Auch ist ein derartiges Selbstgespräch wesentlich bequemer als etwa eine Pressekonferenz: Ablauf und Antworten können abgesprochen, wenig überzeugende Passagen weggeschnitten oder wiederholt werden; lästige Nachfragen sind ebenso inexistent wie die Gefahr sich in Widersprüche zu verstricken. Kurzum, das Bild, das in einem solchen Format vermittelt wird, ist vollkommen unter der Kontrolle des DFB. Für Manipulationen ist es aus diesem Grund besonders anfällig.

Nicht nur die äußere Aufmachung des ‚Interviews‘ führt den Zuschauer in die Irre, sondern auch dessen Inhalt. Niersbach legt dar, dass für die Kernaussage des SPIEGEL-Artikels, die laut seiner Darstellung die Zahlung von Bestechungsgeldern an Mitglieder der FIFA-Exekutive sei, keinerlei Beweise geliefert würden. Auf diesen Umstand jedoch machen die Redakteure in ihrem Text an mehreren Stellen selber aufmerksam: Sie führen aus, dass Günter Netzers mutmaßliches Eingeständnis gegenüber einem hohen DFB-Funktionär, das Bewerbungskomitee habe mit Dreyfus‘ Millionen asiatische Mitglieder der FIFA-Exekutive bestochen, von Netzer vehement bestritten wird. Aus diesem Grund ist in dem Artikel lediglich davon die Rede, dass aus den Anschuldigungen „beinahe Gewissheit“ (Dahlkamp, Jürgen et al., Sommer, Sonne, Schwarzgeld, in: Der SPIEGEL 43 (2015), S. 13) geworden sei. An anderer Stelle wird noch weitaus klarer ausgeführt: „Es gibt dafür [für die Schmiergeldzahlungen] bisher keinen Beweis (…). Aber es gibt Verdachtsmomente dafür, dass die zehn Millionen Franken von RLD [Robert Louis-Dreyfus], die im Nichts verschwanden, in den richtigen Taschen wieder aufgetaucht sind.“ (ebd., S. 17)

Sicherlich, der Artikel widmet sich ausgiebig den Indizien, die den Verdacht der Bestechung stützen; den harten Kern des Textes machen sie jedoch – anders als Niersbach es wiederholt behauptet – nicht aus. Bei diesem handelt es sich vielmehr um die 6,7 Millionen Euro, die Dreyfus dem Verband zur Verfügung stellte; dieses Geld ist in den Büchern des DFB nirgendwo vermerkt worden und im Jahr 2005, kurz vor der Weltmeisterschaft, über die FIFA zurück an den französischen Unternehmer geflossen. Für diese Vorgänge liegen dem SPIEGEL augenscheinlich Dokumente vor, die den ‚Rückweg‘ des Geldes belegen. Es ist bezeichnend, dass Niersbach in seinen Ausführungen auf diese Vorwürfe lediglich in verquaster Art und Weise eingeht: Der Text, von dem er ‚interviewt‘ wird (oder mit dem er sich selber ‚interviewt‘), liefert ihm folgende – ortographisch holprige – Vorlage: „Trotzdem steht einer [sic!] Zahlung des WM-Organisationskommittes [sic!] von 6,7 Millionen Euro an die Fifa aus dem Jahre 2005 im Raum, die möglicherweise zweckwidrig verwendet worden sein soll.“ Niersbach weiß auch hier den Ball gekonnt aufzunehmen: Er habe von dieser Zahlung im Sommer erfahren und sofort eine Prüfung veranlasst (von der andere Mitglieder des DFB-Präsidiums komischerweise erst vergangene Woche Kenntnis erlangt haben). Dass das Geld etwas mit der WM-Vergabe zu tun habe, könne er ausschließen. So zündet der Präsident auch hier die Nebelkerze, die Kernbehauptung des SPIEGEL-Artikels sei die Bestechung; an die Dokumente, die belegen sollen, dass das Geld an Robert Louis-Dreyfus gegangen ist und auf denen sich auch ein handschriftlicher Vermerk Niersbachs finden soll, will sich dieser nicht erinnern können. Anstatt sich dem Kern der Vorwürfe zu nähern, suggerieren sowohl der zitierte Text aus dem Video als auch Niersbachs Ausführungen, dass der schwarze Peter – einmal mehr – bei der FIFA zu finden sei – wohl in der Hoffnung, dass es nicht weiter auffällt, wenn in den trüben Sumpf, der die FIFA erwiesenermaßen ist, noch die eigene Schmiere hineingegossen wird.

Wolfgang Niersbach - nicht im Selbstgespräch, sondern auf einer Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse 2013
Wolfgang Niersbach – nicht im Selbstgespräch, sondern auf einer Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse 2013, Lizenz: CC by-sa 3.0; Rechteinhaber: Smokeonthewater; Original: Wolfgang Niersbach@FrankfurtBookFair 2013.jpg

So mutiert das ‚Interview‘ alles in allem auch inhaltlich größtenteils zu einem Selbstgespräch: Niersbach liest etwas aus dem SPIEGEL-Artikel heraus, das dieser überhaupt nicht hergibt, um sich im Anschluss über seine eigenen Behauptungen zu empören. Das mutmaßliche Ziel, Verwirrung zu stiften, hat der DFB mit diesem Interview, das keines ist, erreicht: Mittlerweile werden für Behauptungen, die es gar nicht gegeben hat, Beweise vom SPIEGEL gefordert, während die eigentlichen Vorwürfe im erzeugten Durcheinander verschwinden. Im Gegenangriff schwingt Niersbach im Video die ganz große Keule: Der Verband berate im Moment, ob juristisch gegen das Magazin vorgegangen werden soll. Falls sich eine Klage auch auf die Behauptung, der SPIEGEL habe eine Bestechung als Fakt ausgewiesen, stützen sollte, so würde Niersbach lediglich die Gerichte mit seinen Selbstgesprächen belästigen. Die Behauptung, der SPIEGEL habe dem DFB Bestechung vorgeworfen, bleibt auch dann eine Unterstellung, wenn die Armada der Advokaten in Bewegung gesetzt wird. Für das Nachrichtenmagazin könnten eigentlich nur dann Probleme entstehen, sollten die Dokumente, auf die sich die Anschuldigungen stützen, überhaupt nicht existieren.

Es muss nicht alles am Vorgehen des SPIEGELS für toll befunden werden – so erscheinen etwa die knapp 24 Stunden, die das Magazin dem DFB für eine Stellungnahme ließ, recht knapp bemessen; auch setzt der Titel der Ausgabe vom vergangenen Samstag („Das zerstörte Sommermärchen. Schwarze Kassen – die wahre Geschichte der WM 2006″) sicherlich bei dem einen oder anderen Leser Assoziationen frei, die der Text nicht alle einfangen kann, da eben nicht nachgewiesen wird, dass die WM vom DFB eingekauft wurde. Anstatt die Recherchen auf den Punkt zu bringen, lieferte der Titel Niersbach eine unfreiwillige Vorlage seine Ausführungen mit einer letzten Nebelkerze zu beenden: „Es tut weh und wir beim DFB sind alle tief betroffen, dass dieses wunderbare Sommermärchen, das unser ganzes Land gefeiert hat und uns Sympathien in der ganzen Welt eingebracht hat, über neun Jahre später derartig in die Schlagzeilen gerät.“ Nicht die hervorragend organisierte Weltmeisterschaft, während der Deutschland tatsächlich sein übliches grau-griesgrämiges Gesicht für ein paar Wochen mal abgelegt hatte, steht zur Debatte, sondern Ungereimtheiten rund um die Bewerbung. Die Gastfreundschaft der Deutschen wird durch eine schwarze Kasse nicht in Frage gestellt, Wolfgang Niersbachs Fortkommen als Fußball-Funktionär sehr wohl.

Der Ball liegt im Moment ganz tief in der Hälfte des DFB – die beschriebenen Ablenkungsmanöver sollen lediglich über diese Tatsache hinwegtäuschen. Niersbach verspricht am Ende des ‚Interviews‘, dass der DFB alle offenen Fragen schnell beantworten und sich für eine „lückenlose Aufklärung“ einsetzen möchte. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre gemacht, wenn Niersbach fürs Erste die Selbstgespräche unterlassen, sich echten Journalisten stellen und auf die eigentlichen Vorwürfe eingehen würde.

Nachtrag (22.10, Nachmittag): Dieses Blog hat zwar keine Leser, dafür aber scheinbar eine Art telepathischen Einfluss auf den Deutschen Fußball-Bund;) Knapp zwölf Stunden nachdem obiger Text veröffentlicht wurde, hat der DFB kurzfristig eine Pressekonferenz mit Wolfgang Niersbach anberaumt. Dort waren viele echte Journalisten anwesend, die sogar Fragen an den Präsidenten stellen durften. Obwohl damit – zumindest was das Format betrifft – das Terrain des Selbstgesprächs verlassen wurde, sind durch Niersbachs Ausführungen viele neue Fragen entstanden.

Laut Niersbach musste das Organisationskomitee nach dem Zuschlag für die Weltmeisterschaft 6,7 Millionen Euro für die FIFA auftreiben, damit der Weltverband einen Organisationszuschuss von rund 170 Millionen Euro bewilligt. Diese Konditionen sollen in einem Vieraugengespräch zwischen FIFA-Chef Joseph Blatter und Franz Beckenbauer festgesetzt worden sein. Letzterer soll sich daraufhin bereit erklärt haben, das Geld aus eigener Kasse zu bezahlen, wovon ihm jedoch von seinem damaligen Manager abgeraten wurde. Daraufhin soll Beckenbauer Robert Louis-Dreyfus kontaktiert haben, der dann die 6,7 Millionen an die FIFA-Finanzkommission bezahlt habe. Von all diesen Vorgängen will Niersbach erst am vergangenen Dienstag bei einem Gespräch mit Franz Beckenbauer in Salzburg erfahren haben.

Die Nachfragen der Journalisten, warum das Organisationskomitee sich an eine Privatperson gewandt hat, anstatt das Geld bei einer Bank zu leihen oder Mittel vom DFB locker zu machen, warum über derart horrende Summen im Hinterzimmer unter vier Augen beraten wird, warum die FIFA im Jahr 2005 – als Dreyfus sein Geld zurückhaben möchte – den DFB zur Begleichung der Schuld auffordert, warum der DFB dann die Rückzahlung in einem Posten für ein WM-Kulturprogramm versteckt – auf all diese Fragen antwortete ein sichtlich angeschlagener Wolfgang Niersbach in Variationen der Unwissenheit: „da bin ich überfragt“; „die Frage kann ich Ihnen auch nicht beantworten“; „das kann nur die FIFA beantworten“; „da kann ich auch heute Ihnen nicht die restlose Aufklärung liefern“. Der qualitative Sprung vom Selbstgespräch zu einem Gespräch, in dem keine Antworten geliefert werden, ist wahrlich kein sehr großer.        

Ein Gedanke zu „Herr Niersbach führt Selbstgespräche

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