Dokumentarfilm des chilenischen Regisseurs Patricio Guzmán, „Der Perlmuttknopf“: Was am europäischen, christlichen Menschen lässt ihn verlangen, alle Welt möge sich in sein Ebenbild verwandeln, lässt ihn missionieren, lässt ihn jene ausrotten, die sich seinem Willen nicht fügen wollen (oder können)?

Ist es allein das Gebot des dominium terrae der eigenen Religion? Mache dir die Erde untertan im Namen des einen Gottes und seines Sohnes! Akzeptiere nicht diejenigen, die in Naturallianz leben – von der Erde, vom Wasser, ohne je sesshaft geworden zu sein, Besitz angehäuft, Raubbau an der Umwelt betrieben zu haben! Akzeptiere nicht diejenigen, die in Naturbeherrschung keinen Heldenmut erkennen können, sondern nur die Hybris des Menschen! Akzeptiere auch nicht die Ungleichzeitigkeit, die eine Zeitreise ermöglicht, ganz ohne Magie und Hexenwerk – von den jagenden und sammelnden Urvölkern ins qualmende, lärmende, maschinisierte Europa! Stattdessen, ziehe ihnen Kleider an, lasse sie Dörfer und Städte bauen, mache sie mit dem Alkohol vertraut, zwinge sie unter Lohnarbeit und Profit! Zwinge sie vor allem unters Kreuz deines leidenden Gottessohnes, dass ihnen auf ewig die Lebensfreude vergehe, dass sie noch im Säugling den Schuldigen erkennen, dessen Sünde darin besteht, geboren worden zu sein! Vernichte alle, die sich nicht in dein Zivilisationswerk eingliedern wollen! Ein paar der „Wilden“, der „Ungeheuer“ allerdings bringe mit in die Heimat, dass wir unseren Hochmut an ihnen stärken können!

Was ist falsch mit uns, dass all dies die dominierende Gedankenatmosphäre unseres Kontinents sein konnte, bei manch einem noch heute sein kann? Wie ist es um die Gerechtigkeit bestellt, wenn die Mörder ausgerechnet in dem Gott ihren Richter erkennen, in dessen Namen sie gemordet haben? Was war (und ist) die Aufklärung, als vielbeschworenes Stichwort, wert, wenn sich die meisten Herrenrassen nach ihr ausgerufen haben, wenn die Ideale der Gleichheit und Brüderlichkeit nur auf dem eigenen Kontinent gelten? Was ist gewonnen, wenn sich Gewalt nur verlagert? Sind nicht Welthandel, Globalisierung, Entwicklungshilfe die Fortsetzung erzwungener Anverwandlung mit anderen Mitteln – nicht mehr mit Kreuz und Schießpulver, sondern mit dem Geld? Können wir es bis heute nicht ertragen, dass die Welt auch nach anderen Maßstäben als den unsrigen funktionieren könnte? Haben wir Toleranz, die Achtung vor dem Anderen nie gelernt? Werden wir sie je lernen? Wie viel Naturallianz steckt in nebulösen Klimazielen, in gedrosselter Ausbeutung? Wäre nicht die Welt eine bessere ohne Europa? Oder sprängen dann schlicht andere an unsere Stelle, als knallende Peitsche der Geschichte, als Ordnungsmacht, deren Ordnungen niemand erbeten hat, als Vernichter aller Toleranz, denen eine Identität mitunter nicht mehr wert ist als ein Perlmuttknopf?

An einem solchen Knopf hängen in Guzmáns Film all diese großen Fragen – er war das Tauschobjekt, mit dem britische Seeleute im 19. Jahrhundert einen Indianer Patagoniens erwarben; er war auch das letzte Überbleibsel eines im Meer versenkten Opfers der Pinochet-Diktatur. Doch die historischen Details sind hier nicht entscheidend; sie sind austauschbar mit dem kolonialen, rassistischen, weltanschaulichen Wahnsinn anderer Länder, wovon obige Gedanken zeugen; entscheidend ist, dass Guzmán mit dem Knopf ein Dingsymbol schafft, das Jahrhunderte und Kontinente überspannt, das ob seiner Beschaffenheit, dem aus Muscheln gewonnenen Perlmutt, die viertausend Kilometer lange Küste Chiles erfasst, zugleich auf das im Film allgegenwärtige Wasser verweist, das vor Milliarden Jahren, aus dem Weltall kommend, Leben auf die Erde gebracht hat. Dieses Symbol zeigt keine Rundung, keine Abgeschlossenheit an, sondern eine Welt, die in Bewegung, gleichsam im Fluss ist wie das Wasser. So gibt es Hoffnung auf Besserung in der Zukunft, auf mehr Toleranz und weniger Morde, auf mehr Naturallianz und weniger Ausbeutung. Der Knopf hält hier den gesamten Kosmos, mit all seinen Schönheiten und all seinen Schrecken – und er hält diese gewaltige Last mit derart bewundernswerter Leichtigkeit, dass eigentlich alle Worte, dies zu beschreiben, Verschwendung sein müssen.

 

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