Sprachlicher Etikettenschwindel – ein Streifzug

Wörter mit vernebeltem Verweis, mit einem Bezeichneten, das mitunter in sein Gegenteil verkehrt ist, waren an dieser Stelle bereits Thema; dies gleich in Reihe: der humanitäre Einsatz oder die Stabilisierungsmission für den Krieg, das Hilfspaket für die Kreditknechtschaft, das Taschengeld von Staates Gnaden für die rechtmäßige Geldleistung an den Flüchtling. Das Phänomen hat seine Breite – historisch und innerhalb des politischen Spektrums. Anhand weiterer Beispiele soll diese punktuell umrissen werden. Weiterlesen

Effekthascherei schlägt Avantgarde

Eine wesentliche Funktion der Kunst ist das Aufbrechen erstarrter Wahrnehmungsschemata, der Bruch mit dem allzu Vertrauten, um ein neues Sehen, zugleich das Sehen eines Neuen, des Möglichen, zu realisieren. Gesellschaftliches Probehandeln in Text und Bild muss Falten in den Schleier der kapitalistischen Warenwelt werfen (der Mensch und Objekt gleichermaßen konturlos macht), um ad radices, zu den gesellschaftlichen Widersprüchen zu gelangen. Wer hier nur verziert, wer auf den Effekt des Schnörkels setzt, der mag viel Geld verdienen können, dem mag auch der kenntnislose Zuspruch der vermögenden Käufer sicher sein, doch als Künstler hört er oder sie auf zu existieren. Weiterlesen

Schafft die zweite Klasse ab!

Es gibt den reichlich abgewetzten Lenin-Satz, mit den Deutschen sei keine Revolution zu machen, denn bei Stürmung des Bahnhofs würden diese sich noch schnell eine Bahnsteigkarte kaufen. Als wolle er diese Halbherzigkeit seiner Landsleute bestätigen, fängt SPIEGEL-Redakteur Bernd Kramer seine „Rebellion“ (tatsächlich ist es mehr ein Rebelliönchen) damit an, in der ersten Klasse der Deutschen Bahn die Zeitungen zu stibitzen. Weiterlesen

„Lass mich dir ein Vater sein“

Die Rede vom Klassengegensatz wirkt antiquiert. Nicht die Wurzel vieler Übel, sondern ihre Eindämmung mithilfe von Reformen dominiert die Tagespolitik. Dass ein Radikalwerden im wörtlichen Sinn, ein Packen der Probleme an ihren Wurzeln, ausbleibt, hat (u.a.) mit der Verschleierung des Klassengegensatzes zu tun. Seit jeher ein beliebtes Mittel fürs ideologische Handwerk: Die Kostümierung des Kapitalisten als fürsorglich-strafender Patriarch, der über die ‚Familie‘, sprich sein Unternehmen, herrscht. Weiterlesen

In der Kinderstube des amerikanischen Traumes

Die Geißelung des Wohlstandsversprechens amerikanischer Prägung ist an dieser Stelle bereits mehrfach en passant vorgenommen worden – auf einer (filmischen) Autofahrt durch Houston und in der Auseinandersetzung mit sozialdemokratischer Politik. Seiner Verlogenheit, nicht seiner historischen Etablierung, galt in den jeweiligen Texten die Aufmerksamkeit. Für die Verankerung des amerikanischen Traumes im kollektiven Bewusstsein der USA spielt die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle. In dieser Zeit gewinnen sowohl sein Substrat, der Individualismus (in einer radikalen Ausprägung), als auch seine Substanz, das Versprechen, durch das eigene Wirken ein Leben in Wohlstand führen zu können, an Konturen. Weiterlesen

Eine Partei ohne Resonanzboden

Die Schussfahrt geht weiter – allmonatlich gelingt der SPD das Kunststück ihre historisch niedrigen Umfragewerte noch weiter zu unterbieten. Es regiert die Ratlosigkeit rund ums Willy-Brandt-Haus; und tatsächlich ist es ein Rätsel, warum in einer Zeit, da einige Wenige den Kuchen verteilen, während sich der große Rest um die Krümel streiten darf, da die Wirtschaft sich der Unmoral noch hingebungsvoller verschrieben hat als vor der Krise von 2008, da der Steuerbetrug gleich millionenfach ans Tageslicht kommt – warum in einer solchen Zeit, eine Partei, der das Thema Gerechtigkeit ins Erbgut eingeschrieben ist, sich nicht stärker profilieren kann. Weiterlesen

Gefühlte Demütigungen

Sport ist auf eine gnadenlose Weise ehrlich. Ihm kommt diese – doch eigentlich lobenswerte – Eigenschaft zu, weil ihm – im Unterschied zu vielen anderen Lebensbereichen – Ambivalenz nahezu vollkommen abgeht. Die berühmten Grautöne spielen im Sport fast keine Rolle. Während sich die Menschen im Berufs- und Privatleben von Blendern, Aufschneidern und Unfähigen umzingelt wähnen, wird im Wettkampf rücksichtslos ausgesiebt. Die Auslese ist an Simplizität kaum zu überbieten: Wer zu langsam ist, wer nicht hoch genug springt, wer die notwendige Technik nicht beherrscht, bleibt auf der Strecke. Weiterlesen

Kopflos im Kapitalismus

Es scheint eine Metonymie die Personalabteilungen vieler Unternehmen zu regieren: „Wir brauchen neue Köpfe!“ Während der Ruf noch durch die sterilen, vollverglasten Konferenzräume hallt, ist der Headhunter bereits aktiv geworden; eine Berufsbezeichnung scheint den Kotau vor einer rhetorischen Figur zu machen. Tatsächlich jedoch steht zu befürchten, dass der gegenwärtige Kapitalismus für deratige sprachliche Feinheiten nichts übrig hat, stattdessen die Forderung nach den „neuen Köpfen“ wörtlich meint. Weiterlesen

Der dressierte Angestellte

Es regiert die Dressur, nicht nur im Zirkus, sondern mehr denn je auch in der Arbeitswelt. Bunt geht es zu, hier wie dort. Doch im Unternehmen existiert die Bonbonwelt nicht, um der Phantasie Höhenflüge zu verschaffen. Sie soll die Arbeitnehmer einlullen, sie von ihrer Persönlichkeit, letztlich von ihrem gesamten Leben außerhalb der Arbeit entwöhnen, um die Dressur zu erleichtern. Weiterlesen

Der Mangel und das Zuviel am Krankenbett

Die Frage geht an den Kranken: „Fehlt Ihnen etwas?“, „Was fehlt Ihnen denn?“ Millionenfach vernommen, in Arztpraxen, in Kinderzimmern, in Büros und Schulen. Die Krankheit erscheint als ein Mangel, ein Mangel an Gesundheit, die dem Kranken abhanden gekommen ist. Tatsächlich sind viele Krankheiten jedoch durch ein Zuviel, nicht durch einen Mangel gekennzeichnet: ein Zuviel an Viren und Bakterien, ein Zuviel in Gestalt von Geschwüren und Tumoren, ein Zuviel auch in der Gedankenwelt, in der plötzlich ein zweites Ich auftaucht, jemand einen zwingt die eigenen Atemzüge zu zählen oder längst verstorbene Verwandte wieder auferstehen. „Was fehlt Ihnen denn?“ – die korrekte Antwort müsste folglich lauten: „Nichts!“ Weiterlesen